Die Unternächte - Ein Gedicht an das alte Jahr

Am Ende eines jeden Jahres schaue ich zurück und denke mir: krass..was ist nur alles passiert? Was habe ich alles erlebt, welchen Menschen bin ich begegnet, wen habe ich vielleicht auch zurückgelassen und wo stand ich zu Beginn? Wir blicken zurück auf unseren ganz eigenen Weg, auf Fußspuren, Hindernisse, Strecken bei denen wir im Sprint auf der Überholspur waren und richten aber auch den Blick auf die Stellen, auf denen wir anscheinend endlos herumgetreten sind oder auch vermeintlich falsch abbogen oder im Kreis liefen. Für den einen bedeutet das Ende eines Jahres vielleicht ein kurzer Zwischenstopp auf einen Höhenflug, andere sind gerade der Hölle oder einem Abgrund entsprungen und schauen voll Hoffnung auf bessere Zeiten. Doch egal auf welcher Reise wir uns gerade befinden, müssen wir uns darüber bewusst sein,dass wir den Großteil unserer eigenen Geschichte selbst schreiben. 

Winter

Naivität und Hoffnung sind meiner neuen Reise schweres Gepäck,
die eine nehme ich mit, die andere werfe ich bald weg.
Denn unter den Stunden der Absolution, die ich dir erteilte,
brach mein Rückgrat und die übrig gebliebenen Scheite,
sammelte ich für einen anderen Zweck.

Ich selbst kann die Protagonisten meiner Geschichte bestimmen, die Auf- und Abgänge von Personen. Ich bestimmte welches Genre ich diesem neuen Kapitel meines Lebens zuordnen will! Nur weil in der Ankündigung meines eigenen Lebensbuches eventuell immer Drama stand, bedeutet dies nicht, dass das so bleiben muss. Und oft wird uns erst im Nachgang bewusst, in der Stille, wie wir die leeren noch so unverbraucht vor uns liegenden Seiten beschreiben wollen und können eine neue Richtung, eine neues Werk kreieren. Damit meine ich jetzt nicht plumpe Neujahrsvorsätze wie die Brigitte Diät oder leere Floskeln wie: ich mach auf jeden Fall mehr Sport! Sondern es geht um eine innere Veränderung, eine Innen-Ansicht. Kümmern wir und doch mehr um unser Inneres als um äußere Dinge. 

Frühling

Angeblich ernten wir was wir säen,
doch vor lauter Saat, seh ich kein Feld mehr. 
Laue Frühlingsstunden die uns ereilen,
doch der Winter ist hartnäckig und Väterlichen Frost ein andauernder Herr. 
Es blitzen in Sonnenlicht gar zarte Blüten, doch auch diese kann ich nur aus der Entfernung sehen. Im Antlitz von besseren Zeiten, fehlt mir Mut und Freu(n)de gehen.

Hierfür eignet sich keine Phase des Jahres besser als die Zeit der sog. Unter-oder auch Rauhnächte genannt. Diese (zumeist) 12 Weihnachtsnächte werden in den Stunden vom 24. zum 25. Dezember eingeläutet und enden am 6.Januar zu Hohneujahr. Schon meine Urgroßmutter (aus Böhmen) wies diesen dunklen und magischen Nachtstunden eine besondere Bedeutung zu. Jede Nacht stünde für einen Monat im neuen Jahre und man sollte diesen Übergang ganz bewusst zur Jahresreflexion benutzen. In früheren Zeiten wurden viele Aberglauben damit verbunden und Rituale der Geistesaustreibung praktiziert.

Sommer

Der Tod kommt in langsamen Schritten und ein Ende bringt einen Neubeginn. 
In den heißesten Stunden gibt es gefrorenen Herzen,
tote Augen schauen auf sich hin....
denn als das Papier mich endlich freigibt, weiß ich nicht wohin mit all den Worten die mich schmerzen, die unausgesprochen sind...

Eine all zu esoterische Bedeutung möchte ich ihnen jedoch an dieser Stelle nicht zukommen lassen, aber viele von uns erreicht schon ein Gefühl der Melancholie zwischen den Feiertagen. Eventuell weil wir das erste Mal bewusst zur Ruhe nach einer (für viele Menschen) hektischen Weihnachtszeit kommen. Ich selbst möchte sie nutzen für einen kurzen Rückblick. Eine kleine literarische Innenschau, aufgeteilt auf die vier Jahreszeiten. Also schnappt Euch eine Decke, Stift und Papier und überlegt vielleicht auch euch (in Ruhe oder im Gespräch) was ihr dem alten Jahr zu sagen habt.

Herbst

Es fängt an zu dunkeln, doch diese Gewitter kennt keine Gnade,
wie Phönix aus der Asche erbricht sich neues Licht und stellt die Frage: wohin es scheinen soll?
Ist doch Herbst und alles verblüht...doch ich bin ein Kaktus der sich im Winter noch entfalten will.

REPEAT

 

 

*Special thanks to Kristian Scheffler for the amazing photos and Leipzig fair fashion label Gracy Q for the nice blouse.