12 Jahre Schwarz - Tagebuch einer mittelschweren Depression Part I

Menschen können nicht gleichgeschalten werden, auch wenn unsere Gesellschaft das immer wieder gerne probiert. So individuell wie jeder von uns gern seinen Urlaub verbringt, so unterschiedlich sind auch unsere Krankheiten und Sorgen, genauso wie Lösungen und Ansätze zur Hilfe derer. Das man einer Volkskrankheit einen übergeordneten Namen gibt, schließt noch lange nicht ein, dass man alles Individuelle darunter verstecken kann. Die Schlagzeile: Depressionen ist die Krankheit Nummer 1, bedeutet ebenfalls noch lange nicht, dass man wirklich daran interessiert ist, warum so viele von uns an etwas leiden, denn anscheinend fehlt uns etwas das zu den innersten unserer menschlichen Bedürfnissen zählt. Nämlich dem Menschsein. Fehler zu machen. Emotionen zu haben und diese zu zeigen. 

Der stetig wachsenden Druck auf uns im Alltag und der Arbeitswelt, wurde mittlerweile schon in die Schulen und Kindergärten verlegt. Auch hier müssen sich schon die Kleinsten unter den komischsten Umständen beweisen, glänzen, schnell, angepasst und perfekt sein.

Immer höher, besser, schneller, schöner, weiter!

Zeit für Entfaltung bleibt da leider oft wenig...und kommen dann eventuell noch ein problematisches Elternhaus, eine handfeste Krise der andere negative Erlebnisse dazu, kann man sich ein Rezept für Antidepressiva, Pharmaindustrie zum Dank, schon einmal sichern. Man glaubt gar nicht wie viele Menschen Jahre lang so bei der Stange gehalten und wieder "funktionstüchtig" gemacht werden....aber nicht gesund. Aber was ist Gesundheit überhaupt?

Gesundheit wird als der Zustand des körperlichen, geistigen und seelischen Wohlbefindens definiert. Dieses Befinden kann meiner Meinung nach sehr breit ausgelegt werden. Ich finde es furchtbar schlimm, dass jede Erkältung einem mehr Anerkennung als Kranker bringt, da man die rote Nase sehen und die heißere Stimme hören kann, als wenn ich sage dass meine Seele erkrankt ist...denn oftmals kann keiner das direkt sehen. Als psychisch Kranker muss ich mich oft erklären und da wir nicht gelernt haben für diese Gefühle, diese innere Ohnmacht Worte zu finden, fällt dies uns unglaublich schwer. Außerdem setzt es voraus, dass ich selbst erst einmal akzeptieren muss, dass dieses innere schwarze Loch immer größer wird und nicht gut ist. 

Ich sage mit Absicht nicht, dass es nicht nicht normal ist, denn was kann heutzutage schon NORMAL  bedeuten? Ich halte es da eher wie mein Freund Erich Fromm, welcher sagte: Die Normalen sind die Kranken...aber auch das ist eine Ansichtssache. 

Richtig ungut und gelähmt habe ich mich das erste Mal schon in der Zeit vor der Pubertät gefühlt, erste Panikattacken wie ich im Nachhinein herausgefunden habe, tauchten schon mit 12 Jahren auf. Eine emotionale Tag- und Nachtfahrt bot sich in den Jahren danach, bis ich mit 19 Jahren den ersten großen Tiefschlag erlitt, Burnout würde man heute sagen.

Ich zog nach dem Abitur von zu Hause aus und meine eigenen Unzulänglichkeiten und Ängste konnten nun nicht mehr hinter einer gut durchdachten Schutz-Fassade aufrechterhalten werden...mein Körper hatte einfach keine Lust mehr und bescherte mir eine schöne Viruserkrankung...wenigsten auf die Psychosomatik war zu diesem Zeitpunkt noch Verlass. Es hat mich Monate auf dem Sofa gekostet um mich zu erholen. Ich habe mich als Versager gefühlt, als gesellschaftlicher Error, der nach nicht mal einem Jahr sein Studium abgebrochen hatte, obwohl anscheinend der gesamte Rest der Menschheit einer vermeintlich frohen Zukunft entgegen segelte. Ich war ein Fehler im System. Und fühlte mich oft danach, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, dem es so ging. 

Natürlich weiß ich heute, dass dem nicht so ist, doch vor knapp 10 Jahren war das Thema Depression noch ein größeres Tabu als heute. Warum ich gerade jetzt das Thema auf dem Blog bespreche, weiß ich auch nicht so genau, vielleicht ist es Zeit für mich.

Ich finde den Gedanken tröstlich, dass eventuell jemand diesen Text liest, dem es auch so erging, geht oder der jemanden kennt, der gerade an seiner Seele leidet. Ich will etwas von mir preisgeben, dass nichts mit Lifestyle zutun hat,...sondern Euch nur erzählen, wie es mir erging und vor allem: was mir geholfen hat. Alleine mir.

Liebst,

Madlén Bohéme

Anmerkung: als ich den Text vor gut einer Woche verfasst habe, waren die furchtbaren Ereignisse in München noch nicht geschehen. Doch genau dieses Beispiel zeigt uns, wie schwierig es psychisch kranke Menschen in dieser Welt oft haben, adäquate Hilfe zu finden. Unser Staat verwaltet gerne Menschen, doch diese Krankheit kann nicht bürokratisiert werden.