Liegender Akt in Blau - Leipziger Buchmesse 2017

Buchmusse in Leipzig. Ich bin ein wahrer Bücherwurm und fresse mich gerne durch Lyrik, Romane aber auch Fachliteratur. Zu dieser besonderen Zeit in Leipzig gehört es daher auch, sich Bücher von Autoren und Illustratoren aus der Stadt anzuschauen...Mein Tip für Euch „Liegender Akt in Blau“, ein Künstlerroman, der gerade im kunstanstifter Verlag erschienen ist.

Mit meiner lieben Freundin Christina Röckl (Illustratorin und Buchgestalterin) habe ich über ihr neues Werk gesprochen. Sie hat den Roman konzipiert, illustriert, gestaltet und bis zum Druck begleitet. 

ZUM BUCH

Nathalie Chaix erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem französischen Maler Nicolas de Staël und seiner letzten Muse.

Provence 1953. Der Dichter René Char, mit dem Nicolas befreundet ist, hat dem Maler immer wieder von seiner Heimat, dem Luberon, vorgeschwärmt und ihm und seiner Familie schließlich ein Haus dort vermittelt. So lernt Nicolas Jeanne kennen, Renés frühere Geliebte. Auf einer Italienreise mit Familie und Freunden verlieben sich die beiden ineinander und stürzen sich in eine Affäre. Während Jeanne von Gewissensbissen geplagt wird, weil sie selbst verheiratet ist und Kinder hat, ist für Nicolas klar, dass er mit ihr zusammen sein will. Er verlässt seine schwangere Frau und seine drei Kinder und spricht von Heirat, sie dagegen versucht immer wieder, sich von ihm zu trennen. In dieser Zeit malt Nicolas so viel wie kaum jemals zuvor.

Liebe Christina,

wie kam es zu deiner letzten Illustrationsarbeit für das Buch „Liegender Akt in Blau“?

Das Buch war eine Auftragsarbeit. Die Übersetzerin Lydia Dimitrow hatte den Text in einer Bibliothek in der Schweiz entdeckt und hakte bei den kunstanstiftern nach, ob sie Interesse an einer Veröffentlichung hätten. Da der Verlag auf das illustrierte Buch spezialisiert ist, war schnell klar, dass eine visuelle Sprache den Inhalt unterstreichen sollte. Hierfür wären die Malereien von de Staël  jedoch keine Option gewesen. Deshalb traten die kunstanstifter mit dem Projekt an mich heran.

Warum keine Malereien von de Staël ?

„Liegender Akt in Blau“ ist ein Roman, keine Künstlerbiografie. Chaix hält sich dabei zwar an historische Eckpunkte; an konkrete Daten, die Chronologie der Ereignisse, an Orte, Namen und tatsächliche Briefkorrespondenzen des Künstlers, jedoch bleibt das Buch eine Geschichte, nämlich die des Künstlers und dessen letzter Muse. In fragmentarischen Miniaturkapiteln und einer poetischen, oft elliptischen Sprache, beschreibt die Autorin die dramatische Liebesgeschichte der beiden. Auch diese beruht auf einer wahren Begebenheit, wird aber durch Chaix erweitert. Deshalb wurde dem Text eine eigene Bildsprache hinzugefügt.

Was hat dich für deine Illustrationen inspiriert, wie hast Du gearbeitet?

Im März bekam ich den ersten „Trailer“ von der Übersetzerin geliefert, sodass ich mich schon einmal in den Sprachrhythmus des Romans einlesen konnte. Nebenbei habe ich viel über de Staël  recherchiert. – Auch über dessen Freund und Kollegen René Char, der ihm immer wieder von seiner Heimat Südfrankreich vorschwärmte. So ist das Format des Buches z.B. an deren erster und einzigster Buchkooperation „Poèmes“ angelehnt: es hat die gleichen Proportionen wie das Künstlerbuch beider. – Ende April fuhr ich dann selbst in den Luberon, um einen eigenen Eindruck von den Originalschauplätzen, den Farben, den Gerüchen und v.a. auch dem Licht zu bekommen. Ich besuchte die Spielorte von „Liegender Akt in Blau“: Lagnes, in dem Nicolas das erste Mal auf Jeanne trifft; Ménerbes, in dem ein Teil des zweiten Kapitels spielt; sein Atelier in Antibes, von dessen Balkon sich der Künstler das Leben nahm. – Für mich ist es essentiell, sich in eine Arbeit hineinzufühlen, sich mit dem Inhalt vertraut zu machen, nicht nur auf theoretischer Ebene. Um den Rhythmus des Romans besser kennenzulernen, sprach ich den gesamten Text auf Band, las ihn mir immer wieder laut vor; in verschiedenen Abfolgen und Lautstärken. Der Text ist eine Art Musikstück, an vielen Stellen wie ein Gedicht aufgebaut, in unterschiedlichste Klangfarben eingetaucht. Außerdem gibt es im Roman zwei Erzählstimmen: die des Künstlers und die von Jeanne. Mit den Bildern kommt eine dritte Ebene hinzu. 

Der Umschlag ist sehr außergewöhlich. Wie kam es dazu?

Neben den Illustrationen war ich auch für das Buchkonzept verantwortlich. – Der Schutzumschlag ist Teil des Konzeptes, auf ihm steht ganz bewusst kein Titel, denn dieser wird gewöhnlich auch nicht direkt auf ein Kunstwerk gedruckt. Deshalb wird der Titel nur auf dem Buchrücken gezeigt. Man kann ihn erst richtig lesen, wenn man das Objekt hinlegt: „Liegender Akt in Blau“. Außerdem verbirgt sich unter dem Schutzumschlag eine Innenillustration, die sich erst preisgibt, wenn man das Buch genauer unter die Lupe nimmt. – Im Roman geht es schließlich um eine Affäre, die nach und nach aufgedeckt wird. Deshalb spielt das Buch mit vielen kleinen Unauffälligkeiten, die erst auf dem zweiten Blick oder auch gar nicht entdeckt werden. In der innen abgebildeten Landschaft gibt es einen weiteren inhaltlichen Bezug, den man nur versteht, wenn man sich mit dem Titel des Buches und dem Werk des Künstlers befasst: man erkennt die sich in die Hügel einfügende Silhouette aus dem Originalbild von de Staëls „Liegender Akt in Blau“. Recherchen zufolge handelt es sich auf diesem Gemälde um seine Geliebte Jeanne.

Wieso tauchen manche Bildmotive immer wieder im Buch auf?

Hierbei spielst Du sicherlich auf die Vase an, eine Anlehnung an die „Rubinsche Vase“, eine Kippfigur, in der man zwei Gesichter sieht. Im Fall des Romans erkennt man hier beim Zweitblick die Profile von Nicolas und Jeanne. Das Objekt steht als Metapher für das ständig wechselnde Spiel aus Nähe und Distanz beider – je nachdem, wie nahe sich die Liebenden gerade stehen, verringert sich der Abstand durch die schmaler und breiter werdende Vase. Diese Illustrationen tauchen im Mittelteil des Buches auf, begleiten das Auf und Ab der Beziehung und sind stets zwischen zwei Farbseiten eingefasst. Sie sollen den Text nicht beeinflussen und wirken wie kleine Bühnen des Dramas, die immer wieder neu geöffnet werden können. Der Leser hat somit die Wahl, ob er sich den Ilustrationen hingeben, kurz Luft schnappen und verharren will, oder aber gleich weiterlesen möchte. Das Papier ist extra dünn gehalten, sodass man durch die Seiten immer wieder etwas durchscheinen sieht, etwas erahnen kann, mehr aber nicht. Beide Silhouetten werden übrigens schon auf dem Schutzumschlag eingeführt. Lässt man den Schutzumschlag um das Buch, so sind die Profile einander zugewandt, allerdings steht die Mauer des Buchblocks dazwischen. Beim Abnehmen und Aufschlagen des Schutzumschlags wenden sich die Profile voneinander ab. – Am Ende des Romans wendet sich Nicolas auch vom Leben ab, der Sturz vom Balkon. Diese Szene wird durch den hier eingeführten Bildrhythmus verlangsamt, über mehrere Seiten wird mit einem gleichbleibenden und sich gleichzeitig ändernden Bildmotiv erzählt, diesmal ein Sonnenuntergang.

Was sagt die Autorin zum illustrierten Buch?

Von Nathalie Chaix erhielt ich sehr positives Feedback. Durch die Offenheit und das Vertrauen von Autorin und Verlag hatte ich freies Spiel, – ohne dieses könnte so ein Buch gar nicht entstehen.

Wo kann man das Buch auf der Messe finden?

Am Stand der kunstanstifter kann man sich das Buch genauer anschauen. Den Verlag findet man in Halle 5, am Stand 213.

Jeder Besucher hat auf der Messe ja quasi die Qual der Wahl. Hast du noch Veranstaltungtipps während der Buchmesse? 

Alle Veranstaltungen rund um den Millionaires Club sind absolut empfehlenswert. Außerdem solltet Ihr keinesfalls die Lesung meines Kollegens Robert Deutsch verpassen. Sein Comic-Debut „Turing“ wird am Freitag, 19Uhr, in der Galerie Potemka präsentiert.

 

Christinas Veranstaltungstips zur Messe:

Millionaires Club: http://themillionairesclub.tumblr.com

Galerie Potemka: https://www.facebook.com/events/217926912016160/

 

Hier gibt’s Christinas Buch:

http://kunstanstifter.de/buecher/grand-nu-orange-at

 

Hier könnt ihr Christina folgen: 

https://www.instagram.com/christina_roeckl/