1 Jahr ohne Psychotherapie - eine Bestandsaufnahme!

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Während einer Therapie, kann die wöchentliche Sitzung irgendwann zum Schutzschild des Alltags werden. Man kann jeden Sachverhalt, welcher im aktuellen oder vergangenen Leben passiert ist neutral und professionell besprechen, erörtern und bekommt Hilfestellungen gelernt. Eine tolle Sache. Irgendwann kommt aber für alle das Therapieende, die Frage die sich meiner Meinung nach hier am krassesten stellt: fühle ich mich an einem Punkt angekommen, an dem ich es ohne schaffe bzw. fühle ich mich bereit und gestärkt für neue Herausforderungen.

Nachdem ich meine ersten 80 Therapiestunden 2013 beendet hatte, war ich noch nicht soweit. Zu viele Themen der Vergangenheit wollten besprochen verarbeitet werden und vor allem gab es noch zu viele negative Trigger in meinem Alltag/meiner Gegenwart. Ich nahm also, in der von der Krankenkasse verordneten Zwangspause von 2 Jahren, alle sog. Notfallsitzungen (das sind 3 pro Quartal, also eine im Monat) in Anspruch. Nach ein paar Tiefschlägen in dieser Zeit war mir bewusst, dass ich gerne weiter machen wollte, intensiver an mir arbeiten. Deshalb hatte ich nochmal 30 Stunden bis Ende August 2016. 

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Zwangsende

Das Ende meiner fünfjährigen Therapiezeit kam jedoch ehrlich gesagt ungewollt und in einer Zeit in der ich dachte mein Leben stürzt über mir zusammen. Wie ich bereits in früheren Artikeln zu diesem Thema geschrieben habe, baut sich für mich mein Leben auf verschiedene Pfeiler auf: körperliche Gesundheit, Beruf(ung), wirtschaftliche/politische Sicherheit und soziale Beziehungen  (Familie, Freunde,romantische Liebe). Diese Pfeiler stützen uns. Sobald einer zu wackeln beginnt, versuchen wir mit allen Kräften diesen wieder zu stabilisieren. Je mehr von diesen Pfeilern jedoch wackeln, desto schwieriger ist es in Balance zu bleiben. Vor über einem Jahr haben alle diese Bereiche gewackelt und ich fühlte mich als würden sie über mir zusammenbrechen. Das Ende des Masterstudiums, die Ungewissheit wie es beruflich weitergeht und das Ende einer Beziehung, ein Umzug etc. hatten es ziemlich in sich.

Das i-Tüpfelchen war dann aber, dass meine Therapeutin mir verkündete, dass sie die Praxis relativ ad hoc aufgeben würde. Das war ein Schlag in die Fresse und für jemanden der sich eigentlich in einem Prozess befindet mehr als ungünstig. Im Nachhinein sehe ich dieses Zwangsende jedoch aus einer anderen Perspektive.

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Hilfe zur Selbsthilfe

Ich war doch schon an einem Punkt angekommen, an dem ich so viele Erfahrungen gesammelt und Dinge positiv verändert hatte, dass ich mich den neuen Herausforderungen auch ohne Therapie stellen konnte, jedenfalls wollte ich es vorerst versuchen. Über ein Jahr ist meine letzte Therapiestunde nun her und ich bin positiv überrascht, wie gut ich die erlernten Dinge in meinen Alltag einbauen konnte. 

Bestandsaufnahme

Ich habe für mich in den letzten 12 Monaten vor allem festgestellt, dass ich daran arbeiten muss, dass ich selbst diese Grundpfeiler stütze, dass ich für sie bis zu einem großen Punkt Verantwortung übernehmen kann und vor allem MUSS. Das setzt natürlich voraus, dass man immer wieder überprüft an welchem Punkt man gerade im Leben steht und welche Bedürfnisse man hat. Deshalb möchte ich Euch gerne erläutern welche Maßnahmen ich ergreife um in Balance zu bleiben. 

1. Sozial-Leben

Ich kann mich arg glücklich schätzen, dass ich einen tollen Freundeskreis habe und eine Familie die mir den Rücken stärkt. Ich finde es unfassbar wichtig, einen kleinen Kreis an Menschen um sich herum zu wissen, mit denen man wirklich offen und ehrlich über eigene Gefühle und Gedanken sprechen kann. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen in denen ich mich überfordert fühle, dann muss ich das Tempo raus und mir Zeit für mich nehmen, auch wenn das heißt, dass ich mal ein Treffen absagen muss. Offene und ehrliche Kommunikation sich selbst und anderen gegenüber sind das A&O, natürlich wird es dem Gegenüber nicht immer Gefallen, aber auch das ist super wichtig aushalten zu lernen.

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2. Körperliche Gesundheit

Ich glaube an Psychosomatik und das Körper, Geist und Seele super eng miteinander verbunden sind. Wenn ich also meine Seele pflegen möchte, dann sollte ich das auch mit meinem Körper tun und keinen Raubbau an ihm betreiben. Yoga, Sport (ich mache seit April Zirkeltraining) und regelmäßig Wandern sind mein Ausgleich. Sich selbst gut tun, wichtig nehmen.

3. Beruf

Ich bin super happy einen Beruf zu haben, der mir Spaß macht. Natürlich ist er immer wieder eine Herausforderung, vor allem da ich nebenher ja auch den Blog inhaltlich weiterspielen will und dass neben einer 40 Stunden Stelle mache. Aber ich kann mich weiterentwickeln und bin wirtschaftlich abgesichert. Aktuell steht bis zu einem gewissen Punkt vor allem Sicherheit und Struktur für mich im Vordergrund. Das Bloggen ist für mich auch eine Art Therapie geworden, Schreiben ist ein Prozess des Reflektieren und meine absolute Leidenschaft.

4. Wirtschaftliche/Politische Sicherheit

Wirtschaftliche und politische Sicherheit sind zentrale Aspekte unseres Daseins. Natürlich hat jeder andere Ansprüche und Empfinden, ob er mit 1500 € oder 5000€ im Monat denkt glücklich zu werden. Ich bin kein krass materialistischer Mensch oder stehe auf Statussymbole, aber eine gewisse Grundsicherung ist natürlich essentiell und vor allem ist es für mich wichtig, dass ich mir meine größte Leidenschaft nach dem Schreiben damit erfüllen bzw. umsetzen kann: das Reisen.

Natürlich obliegen die oben benannten Punkte nicht komplett meiner Kontrolle. Allzu schnell können Lebensereignisse eintreffen, die extrem sind. Der springende Punkt ist jedoch, dass ich lerne damit umzugehen und sie einem nicht komplett den Boden unter den Füßen wegziehen können, da man eine starke Mitte und zu sich selbst gefunden hat - und das sind doch die Grundpfeiler jeder Therapie. 

Wie habt ihr (solltet ihr Erfahrungen mit dem Thema haben) euer Therapieende und die Zeit danach wahrgenommen?

Liebst,

Madlén Bohéme