Wie die Mutter so die Tochter - wenn die Kinder nach dem eigenen Leidensweg auch an Depressionen erkranken

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Depression - Ein Wort welches ich nicht mag – ich kann es nicht leiden. Ich möchte es nicht haben – es klingt so anrüchig, so selbst verschuldet. Jedenfalls war das viele Jahre meine Meinung.

UND leider holt mich dieses Thema immer wieder ein.

Schon als kleines Mädchen mit ca. 8/9 Jahren habe ich damit Erfahrung gemacht. Ich hatte einen „Nervenzusammenbruch“, so unser damaliger Hausarzt. Lag in meinem Bett, wollte nicht mehr aufstehen und fühlte nichts. Ich musste ständig weinen. Meine Eltern waren hilflos, aber ich wusste instinktiv, dass ich dort bei Ihnen, den Eltern nicht bleiben wollte. Ich war überfordert. Ein Vater, der sehr oft sehr viel Alkohol getrunken hat und eine hilflose Mutter. Gewalt physische und psychische eine alltägliche Situation.

Ich wollte zu meiner Oma – dort war es ruhig und sie war für mich da. Nach einiger Zeit spürte ich mich wieder, konnte mich an dem Strahlen der Frühjahrssonne erfreuen. Natürlich kam auch Druck dazu, die Schule – meine Eltern, aber ich konnte irgendwie wieder damit umgehen. Es gab natürlich keine Aufarbeitung, keine Veränderung des Verhaltens in meiner Familie. Ich war zerbrechlich, dünnhäutig und ich war SCHULD. Ich war die Große – hatte noch 3 kleinere Geschwister und somit zu viel Verantwortung, typisch und immer wieder ein Muster in Problemfamilien.

Leider gibt man bestimmte Verhaltensmuster weiter, oft sucht man sich einen Lebenspartner aus, der die alten Muster bedient. Und leider bekommt man Kinder ohne dass man sich mit seinen eigenen Lebensthemen auseinander gesetzt hat.

Ich schreibe diesen Beitrag, weil meine Tochter Madlen mich darum gebeten hat.

Es fällt mir schwer, ich fühle mich wieder schuldig, schuldig weil es meine Tochter oft nicht so gut geht. Weil sie wie ich, viel zu viel Verantwortung übernehmen mussten in einer Zeit in der sie eigentlich ihre Kindheit hätten genießen sollen. Es war keiner in der Familie wirklich für sie da. Es macht mich traurig und auch wütend. Und ich fühle mich hilflos.

Psychoanalyse

Ich habe eine Psychoanalyse gemacht, viele Jahre Therapie, in einer Zeit als meine beiden Mädchen in der Pubertät waren. Für mich war diese Therapie überlebensnotwendig. Aber ich konnte in dieser Zeit nicht für meine Kinder so da sein, wie sie eine gute Begleitung in ihr eigenes Leben gebraucht hätten. Stabilität Sie waren beide überfordert – ich war nicht die erwachsene Mutter und es gab auch leider keinen erwachsenen Vater – sie waren uns schutzlos ausgeliefert. Es gab nicht einmal eine Oma oder einen Opa, keiner hat ihr Leid gesehen, die Mauern waren nicht perfekt, aber es wollte keiner so genau wissen. Sie wurden als Co-Therapeuten missbraucht – auf ihren Schultern wurden unsere „Kämpfe“ ausgefochten.

Leistung – beide orientierten sich am Leistungsprinzip. Beide Mädchen gingen aufs Gymnasium, beide machten ein sehr gutes Abitur und beide Mädchen studierten. Für den Ottonormalverbraucher eine super Geschichte, wenn da nicht immer wieder die Überforderung lauert...... !

Co Abhängigkeiten – und Depression

Co Abhängigkeiten – und Depression. Ich selbst habe sehr oft das Gefühl, dass ich in diese Leistungsgesellschaft nicht passe – ich sehr oft überfordert bin – immer wieder gegen Windmühlenflügel ankämpfen muss.

Ich wünsche mir für meine Tochter ein gutes Leben. Es wäre schön, wenn sie mir/uns verzeihen könnte, aber es ist auch in Ordnung, wenn sie ihre Wut und Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Dieses Thema ist so vielfältig, es gibt so Vieles darüber zu sagen, über Ärzte, Therapeuten/Therapien und Medikamente, Familie/Drama – Zusammenhänge. Das war heute nur einmal ein kleiner Auszug aus meinem Leben und das meiner Familie. Ich habe schon viele Jahre vor ein Buch über dieses Thema zu schreiben, besser gesagt es ist schon fast fertig in der Schublade. Aber ich dachte immer, wer braucht schon dieses Buch, es gibt genug Selbsthilfebücher, Bücher über Depression und Angst – und sie sind sicher alle wesentlich besser, professioneller - geschrieben.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es einem persönlich sehr helfen kann, „Geschichten“ Betroffener zu lesen, Informationen über die Krankheitsbilder zu erhalten und über die Jahre sammelt sich natürlich auch ein Erfahrungsschatz an. Die Kombination aus Fachbüchern, Therapien und die einzelnen Erzählungen betroffener Menschen, ihr ganz spezieller Leidensweg aber auch das Licht am Ende des Tunnels – das beschreiben der Gefühle – das Auf und Ab – das Chaos ist natürlich immer sehr subjektiv und trotzdem gibt es so etwas wie einen roten Faden, Ähnlichkeiten – es ist schon sehr viel Wert, wenn man weiß, dass es Menschen gibt die Gleiches erlebt haben und am Ende steht ein Leben - das wert ist gelebt zu werden – auch wenn es immer wieder einmal an Grenzen stößt.

Eine gute Zeit.

Martina